Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ich brauche Eure Sinne
Hallo, werte Mitglieder.
Ich arbeite grad an der Präsentation eines geographischen Paradigmas: Die humanistische Geographie. Um dies anhand authentischer Beispiele aufarbeiten zu können, brauche ich die Hilfe von Menschen, die in der Lage sind, Erfahrung und Emotion ausdrücken.
Die Aufgabe ist denkbar einfach: Geht an einen Ort und beschreibt die Gesamtheit Eurer Erfahrung. Sämtliche Sinne sollten hierbei aktiviert, abgerufen und beschrieben werden.
Welche Eindrücke weckt der Ort (alle Sinne)?
Welche Emotionen löst er aus?
Weckt er Erinnerungen und/oder Erwartungen?
Verändert er seine Substanz zwischen Erscheinen, Verbleiben und Gehen?
Hat sich die Qualität dieses Ortes zwischen einem eventuellen früheren Besuch und jetzt verändert?
Die Beschreibung sollte sehr verdichtet sein, eine halbe DinA4 Seite vielleicht, jedoch möglichst keine oder wenig lyrische Elemente enthalten, da es eine möglichst nah am "common sense" verbleibende Erfahrungsbeschreibung sein sollte. Wiederum jedoch die sinnliche und emotionale Innenwelt erfassen soll. Schwierige Sache, aber machbar, denke ich.
Einige Orte von Interesse wären:
- Büro
- Das eigene oder ein fremdes Schlafzimmer (vielleicht auch im Kontrast)
- die Schule, auf die man gegangen ist
- ein Treppenhaus
oder oder oder
Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr bereit wäret, mir mit einer solchen Beschreibung zu helfen.
beste Grüße
Pinguin
Kilkenny
03.12.2009, 19:26
Okay, da bin ich mal der Erste:
HÄ :kratz: ?
Geht es wirklich nur um die kurze, telegrammmäßige Zusammenfassung der Sinne plus Beantwortung Deiner Fragen? Oder tiefgründiger?
Sowas wie
Büro
Sehen: kalte zweckmäßige Möbel, Stapelweise Papier (Arbeit)
Hören: Chef ruft, Getippsel auf Tastatur
Riechen: Nix
Fühlen: Nix
Schmecken: Nix
Was es auslöst?
Oft genug Stress, ein leiser Hauch von Undankbarkeit, Unverständnis (meinerseits).
Erinnerungen?
Nö, Bürojob ist Bürojob.
Erwartungen?
Dass es mal besser wird, Arbeit wieder Spaß macht. Mehr Anerkennung.
Ach was, das erwarte ich nimmer ;) .
Substanzveränderung?
Ist mir zu hoch.
Qualitätsveränderung?
Nein, weil es immer noch die gleichen Emotionen/Erwartungen weckt wie vor einigen Jahren.
Hilft Dir das? Also wirklich?
Ansonsten könnte man mit Sicherheit noch viele andere solcher Dinge in kurzer Form wiedergeben.
Also nicht nur ich, auch die anderen :blöd:
Danke für deine Antwort. Ein wenig weniger sachlich darf's dann doch sein und gern auch einen kurzen, kohärenten Text.
In der Art wie:
"Ich betrete das Büro durch eine Glastür. Von außen sehe ich schon halbe Köpfe hinter den Monitoren. Wenn ich die Tür öffne, höre ich ein Telefon klingeln, dann noch eins, Tasten klicken -wie Legosteine, die aufeinander fallen - und eine Stimme, die sich abhebt vom Gemurmel ruft durch den Raum: Mein Chef..."
Meine Hoffnung dabei ist, dass diese alltäglichen Räume als nicht selbstverständlich betrachtet werden, und zwar insofern, als dass man diese typischen Routinefilter versucht abzuschalten und sowohl in den Raum als auch in sich sieht und horcht; es also nicht aus Erinnerung konstruiert wird, sondern eine tatsächliche Erfahrung unter dieser Perspektive geschildert wird.
Diese Frgen waren nur als Orientierung gedacht, worauf man achten könnte.
Ich hab das letzthin mal selbst gemacht und meine alte Schule besucht und das Gefühl war ein anderes. Sicherer, überlegener. Ja, der Ort hatte eine andere Substanz bzw. Qualität für mich.
Kilkenny
07.12.2009, 23:36
Okay, vielleicht ist es den anderen zu persönlich, deswegen zu wenig Resonanz und so.
Versuche es einfach noch mal.
Ich betrete die Wohnung meines Onkels und meiner Tante.
Sofort steigt mir dieser ganz bestimmte Geruch in die Nase, den ich schon als Kind wahrgenommen habe und der sich anfühlt wie zu Hause. Ein wenig holzig und auf eine angenehme Art und Weise "muffig". Direkt neben dem Eingang geht die dunkelholzige, steile Treppe nach oben. Als Kind hat man mir immer verboten, dort hochzugehen. Ich habe mir immer vorgestellt, dort einen Dachboden voller Schätze oder voller Spinnweben vor zu finden.
Mittlerweile weiß ich aber, dass es ein ganz normaler Speicher ist mit Stauraum für das übliche Zeugs. Meistens Karnevalkrempel.
Die Wände sind weiß, der Teppich ist weiß, die ganze Wohnung ist piccobello sauber. Auch die Küche glänzt so, als ob man vom Boden essen könnte. Als Kind war ich fasziniert davon, so ganz anders als zu Hause. Ordentlichkeit, Sauberheit so weit man blickt.
Weite Flächen, wenig Möbel auf einer weiten Fläche verteilt.
Dazu im Wohnzimmer noch eine alte, wunderschöne Standuhr. Faszinierend für das Kind in mir. Wenn ich nur den Uhrkasten öffne, kann ich in eine andere Welt eintreten.
So war es als Kind.
Heute weiß ich, dass mein Onkel und meine Tante unerwünscht kinderlos geblieben sind. Sie haben so viele Räume, die sie selbst mit Leben füllen mussten. Dort, wo Kinderfüße hätten trippeln können, steht ein Hobbykeller, ein Büro, ein Gästezimmer, noch mehr Lagerräume.
Die Wohnung ist sauber, weil keiner dort ist, sie dreckig zu machen.
Die Küche wird nicht wirklich benutzt, weil niemand da ist, bekocht zu werden... und weil genug Geld da ist, einfach essen gehen zu können, wenn einem danach ist.
Und die Standuhr im Wohnzimmer tickt traurig vor sich hin, da hinter dem Uhrenkasten leider nur eine Uhr ist.
Vielen Dank für deine Mühe, Kenny.
Ich kopiere mir das, wenn du erlaubst, in meine Materialsammlung und werte es dann zu gegebener Zeit aus, lasse es aber sonst hier unkommentiert.
Und es wäre wirklich toll, wenn der eine oder andere noch einen solchen kurzen Text verfasste, da ich heute meinem Prof. den Plan mitteilte und er auch recht angetan von der Idee wirkte.
Die Präsentation auch erst im nächsten Jahr, also ist mein Aufruf noch nicht hinfällig.
Bittöööö!
Kilkenny
08.12.2009, 22:19
Wenns Dir hilft, freuts mich.
Und bei Deiner Doktor-Arbeit kannst Du mich dann ja mit den vielen anderen lobend erwähnen :ätsch:
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