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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Nummer 2


tränchen
08.09.2008, 23:38
An der Tür prangert eine 2,
das Zimmer ist weiß,
in der Ecke steht eine Palme,
an der Wand hängen Bilder.
Auf dem einen ist ein Haus -
eine Villa - zu sehen, mit
blauen Dächern, es ist Sommer,
ich spüre das Gras unter meinen
Füßen, ein kalter Schmerz durchzieht
mich und mein Blick wandert
zu einem anderen Bild,
eine Winterlandschaft, mit einer
Brücke, einem eingefroren Fluss.
Aus dem Nebenzimmer - Quitsch -
dann ein Schrei, ich werde geweckt
aus meinem Traum, die Schlittschuhe
sind auf einmal fort, werde geblendet
durch das grelle Weiß.
Ich springe auf, ein Stechen in meinen
Mund, lächelnd steht mein Zahnarzt
vor der Tür mit der Nummer 2.

Caty
09.09.2008, 07:49
Liebes Tränchen,

ein Besuch beim Zahnarzt, das Ich hat Zahnschmerzen.
Es muss warten, also sieht es sich im Wartezimmer um, Bilder hängen an der Wand: eine Villa, eine Winterlandschaft. Das Ich wird durch einen Schrei (im Behandlungsraum?) beim Betrachten der Bilder unterbrochen, und da steht das Monstrum in der Tür: der Zahnarzt.

Nun, so ganz neu ist die Angst vorm Zahnarzt wohl nicht, auch dass der Warteraum mit beliebigen Bildern geschmückt ist, nicht. Insofern tut sich in dem Gedicht nichts aufregend Neues. Stilistisch fallen mir vor allem zwei Dinge ins Auge: Die Nummer 2 prangert nicht (dann stünde sie am Pranger), sondern prangt. Dass nun der Zahnarzt am Pranger stünde (was für einem eigentlich), ergibt für mich keinen Sinn, eher doch wohl das Ich, das zu lange mit der Behandlung gewartet hat.
Die zweite Sache, die mir auffiel, die Winterlandschaft. Sie muss im Dativ stehen, es ist eine Apposition, immer im Kasus des Bezugswortes, also muss es heißen: "einer Winterlandschaft". Dass es nicht "quitsch" heißt, sondern "quietsch", ist klar, vielleicht aber wäre "Autsch!" hier eher angebracht.

Stilistisch fällt mir ansonsten nichts auf, weder im Negativen, aber eben auch nicht im Positiven. Nachdem ich das Gedicht las, war mir, als ob mir meine Nachbarin Frau Lehmann ihr Leid palavert hätte: wie schlimm es doch war dort im Wartezimmer, ohne besondere Vorkommnisse, um die sich die ganze Erzählung überhaupt lohnte, denn dass einer zum Zahnarzt geht, wenn es weh tut, weiß ich von mir selbst. Dieser Text hinterlässt bei mir darum keinen sonderlichen Eindruck, weder inhaltlich noch stilistisch. Und dabei wäre es eine schöne Gelegenheit für Klimax und Antiklimax gewesen, nämlich eine gewisse Spannung aufzubauen, du hast sie nicht genutzt, leider.

Liebe Grüße, Caty