jupiter
22.10.2008, 18:39
Ruhig stehe ich in unserer schmalsten Sparzone. 2 m auf 2 m Raum, ausgestattet mit an der Wand klebenden altmodisch massiven Holzplanschränken, die die „Schatzkarten“ unserer städtebaulichen Gestaltungsfreiheit beinhalten. Während mein Körper sich leicht nach vorne beugt, schiebe ich mit plötzlich ruckartigem Kraftakt die ineinander greifenden Eisenspieße des Planbereiches Zentrum Süd auseinander. Ich „enthänge“ das 1,50 m unhandlich große Miststück 11/18, momentan sehr gefragt und hoch im Kurs bei der Bauherrschaft. Mit forschem Schritt serviere ich der schon ungeduldig wartenden goldenen Rolex den „Offenbarungsplan“ zu seinem geliebäugelten Anfrageobjekt. Mit auswerfendem Griff lege ich den B-Plan am Kundentisch in Form. Mein Blick wird unwillkürlich abgelenkt. Drei Chronographen, die da blitzen, zwei ruhen, der mittlere geht. Familie denke ich, mein Ex, ich und mittendrin das Kind. Die Kundschaft unterbricht, ob Gauben möglich seien, ist die Frage, an eine Spielzimmererweiterung sei gedacht. Kinder, ja denke ich, besser nicht. Denn oft kommt alles anders. Die Rolex zeigt mir voll Stolz die Änderungspläne zu einem bereits bestehendem Gebäude, ja geniale Lage, Filetstück der Stadt, Aussichtslage, gigantische Größe, Villenniveau. Ich betrachte das Planheft. Fenster sollen rein, rießengroß, Wände entfallen, alles Glasfronten. In mir flüstert ein Wow. Doch abgebrochen die Fingernägel – meine. Warum? Ja stimmt, gestern Abend, das Anwaltsschreiben, tausend Fragen.... halbe Antworten. Nervöses Zusammensuchen von Unterlagen, wieder mal eine schlaflose Nacht. Zurück zur Kundschaft. Bei der Sache bleiben. Glasfront, ja klar geht das, Durchsichtigkeit der Beziehungen warum nicht – gibt es das? Bei mir nicht, alles versteckt und hintenrum, kein Glas. Trotzdem kaputt, zerbrochen, viele Jahre Ehe, auch ohne Glasfront Tausende von Scherben. Aber die Pläne gab es. Das Kind auch. Selbst das Kinderzimmer – es war wunderschön. Was ist los? Meine Augen. Sie laufen voll. Verdammt! Tränen... nicht jetzt und hier. Im Nebel - meine vorbeilaufende Kollegin. Sie übernimmt, weiß Bescheid. Alles zuviel.